Die Hand von Irulegi

Manchmal kommt die beste Geschichte nicht aus der Recherche, sondern von der eigenen Terrasse. Vor ein paar Tagen haben uns Xavier Aranburu, seine Frau und seine Tochter besucht – sie sind mit dem Wohnmobil kreuz und quer durch Europa unterwegs und haben in Karlsruhe Station gemacht. Xavier ist Baske, wir kennen uns schon lange, und natürlich gab es bei uns keine Currywurst, sondern ein paar Runden Tapas und den einen oder anderen Rioja und Cerveza. Irgendwann kam das Gespräch, wie es unter Freunden mit unterschiedlichen Wurzeln eben passiert, auf die Sprache seiner Heimat. Und dann sagte Xavier den Satz, der diesen Artikel ausgelöst hat: "Wir haben jetzt eine Hand entdeckt, die wahrscheinlich älter ist als alles, was wir Basken bisher kannten."

Er meinte die Hand von Irulegi – ein Fund, über den ich vorher nur am Rande gelesen hatte, der aber, wie sich beim Nachrecherchieren zeigte, tatsächlich die bisherige Geschichtsschreibung des Baskenlandes durcheinanderwirbelt. Grund genug, dem Ganzen einen eigenen, ausführlicheren Artikel zu widmen.

Inhaltsverzeichnis

Der Fund auf dem Berg Irulegi


By Nafarroako Gobernua | Gobierno de Navarra - https://www.navarra.es/eu/-/irulegi-mendian-k.a.-i.-mendeko-brontzezko-esku-bat-aurkitu-dute-eta-orain-arte-ezagutzen-den-euskarazko-inskripziorik-zaharrena-du?pageBackId=363032&back=true, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=125435913


Im Juni 2021 stießen Archäologen der Aranzadi Science Society bei Grabungen nahe Pamplona auf ein ungewöhnliches Objekt: eine flache Bronzetafel in Form einer ausgestreckten Hand, annähernd lebensgroß. Sie misst 143 Millimeter in der Höhe, knapp 128 Millimeter in der Breite, ist gerade einmal gut einen Millimeter dick und wiegt nur 35,9 Gramm. Auf der Innenfläche ist die Hand glatt, auf dem Rücken sind Fingernägel angedeutet – an Ring-, Mittel- und Zeigefinger sind sie allerdings nicht erhalten geblieben. In Höhe des Handgelenks befindet sich ein rund sechseinhalb Millimeter großes Loch, an dem das Objekt vermutlich an einer Holzfläche befestigt war.

Erst bei der Restaurierung, am 18. Januar 2022, bemerkte die Restauratorin Carmen Usua bei der Reinigung, dass die Rückseite der Hand beschriftet war. Offiziell bekannt gegeben wurde der Fund von der Regierung Navarras am 14. November 2022 – erst dann erfuhr die Öffentlichkeit, wie außergewöhnlich dieses Stück tatsächlich ist.

Die Siedlung der Vaskonen und ihr Ende

Das Archäologenteam unter der Leitung von Mattin Aiestaran gräbt bereits seit 2017 auf dem Gipfel des Bergs Irulegi, wo heute eine Burgruine steht. In der Eisenzeit befand sich hier eine befestigte Siedlung der Vaskonen, jenes Volkes, das als Vorfahren der heutigen Basken gilt. Die Bronzehand war wahrscheinlich am Türsturz eines Hauses angebracht – als Schutz- und Glückssymbol, eine Funktion, die man auch von ähnlichen Handdarstellungen aus anderen Regionen Europas kennt.

Das Symbol hat der Siedlung am Ende allerdings wenig genützt: Die Ansiedlung wurde im Zusammenhang mit den Sertorianischen Kriegen zerstört, jenem Bürgerkrieg im ersten Jahrhundert vor Christus, in dem sich römische Fraktionen um die Vorherrschaft auf der Iberischen Halbinsel bekämpften. Ausgerechnet diese gewaltsame Zerstörung ist es, der wir den Fund verdanken – unter den Trümmern blieb die Bronzehand über zwei Jahrtausende erhalten, statt eingeschmolzen oder weiterverwendet zu werden.

Die Schrift: Zwischen Iberern, Kelten und Basken

Um die Inschrift einordnen zu können, hilft ein Blick auf die Schriftsysteme, die vor der römischen Herrschaft auf der Iberischen Halbinsel im Umlauf waren. Die sogenannte nordostiberische Schrift war im vierten bis ersten vorchristlichen Jahrhundert im Nordosten der Halbinsel verbreitet und diente ursprünglich zur Aufzeichnung der Sprache der Iberer – eines Volkes, das mit den Basken nicht verwandt ist. Aus dieser Schrift entwickelte sich eine leicht abgewandelte Variante, die auf die Bedürfnisse der keltiberischen Sprache zugeschnitten war.

Genau eine solche angepasste Form dieser Schrift nutzten die Vaskonen für die Hand von Irulegi – sie übernahmen also ein fremdes Schriftsystem und passten es an ihre eigene, gänzlich anders aufgebaute Sprache an. Das ist an sich schon bemerkenswert: Es bedeutet, dass die Vaskonen keine eigene Schrift entwickelten, aber offenbar keine Berührungsängste hatten, sich ein bestehendes System für ihre Zwecke zu leihen. Ähnliches kennt man aus vielen Sprachgeschichten, man denke nur daran, wie das lateinische Alphabet später an unzählige europäische Sprachen angepasst wurde, die mit dem Latein selbst nichts zu tun haben.

Die Inschrift: Was steht auf der Hand?

By Nafarroako Gobernua | Gobierno de Navarra - https://www.navarra.es/eu/-/irulegi-mendian-k.a.-i.-mendeko-brontzezko-esku-bat-aurkitu-dute-eta-orain-arte-ezagutzen-den-euskarazko-inskripziorik-zaharrena-du?pageBackId=363032&back=true, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=125435913


Auf der Rückseite der Hand entdeckten die Forscher eine vierzeilige Inschrift aus fünf Wörtern und rund 40 Zeichen. Die Linguisten Joaquín Gorrochategui und Javier Velaza von der Universität Barcelona konnten bislang nur das erste Wort sicher übersetzen: "sorioneku".

Dieses Wort ähnelt stark dem modernen baskischen "zorioneko", das so viel wie "Glück" oder "gutes Omen" bedeutet. Die übrigen drei Zeilen gelten bis heute als nicht entziffert. Ein Team aus Archäologie, Geologie, Restaurierung, Chemie und Sprachwissenschaft arbeitet seither gemeinsam an der Auswertung des Objekts. Genau diese Unvollständigkeit macht den Fund für die Forschung so spannend: Jedes weitere Wort, das sich künftig zuordnen lässt, könnte neue Erkenntnisse über die Struktur des Protobaskischen liefern – einer Sprachstufe, von der es bislang praktisch keine schriftlichen Belege gab.

Baskisch: die Sprache ohne Verwandte

Baskisch gilt als älteste noch gesprochene Sprache des europäischen Kontinents und ist, anders als fast alle anderen Sprachen Europas, mit keiner umliegenden Sprache verwandt. Es handelt sich um ein sogenanntes Sprachisolat. Eine verbreitete Hypothese besagt, dass eine Vorform des Baskischen bereits in vorgeschichtlicher Zeit gesprochen wurde, noch bevor die indoeuropäischen Sprachen den Westen Europas erreichten. Warum ausgerechnet diese Sprache die römische Besatzung, die westgotische Zeit und Jahrhunderte wechselnder Herrschaften überstanden hat, während ringsum praktisch alle anderen vorrömischen Sprachen der Halbinsel verschwanden, gehört zu den großen offenen Fragen der Sprachgeschichte.

Lange ging man davon aus, dass die Vaskonen schriftlos waren und ihre Sprache ausschließlich mündlich weitergaben. Der Fund von Irulegi zeigt jedoch, dass sie zumindest gelegentlich auch im Alltag schrieben. Er belegt die Anwesenheit des Euskara in der Region Navarra seit mindestens 2.200 Jahren – ein Fixpunkt von enormer Bedeutung für eine Sprache, deren Herkunft sonst weitgehend im Dunkeln liegt.

Weitere frühe Zeugnisse des Baskischen

Die Hand von Irulegi steht nicht völlig isoliert da, auch wenn sie das älteste und umfangreichste Beispiel ist. Vereinzelt sind aus der Region auch andere Inschriften und Namen überliefert, die auf eine aquitanische Vorform des Baskischen zurückgeführt werden, etwa Personen- und Götternamen aus römischen Grabsteinen im Gebiet des heutigen Südwestfrankreichs und Nordspaniens. Diese Zeugnisse bestehen jedoch meist nur aus einzelnen Wörtern oder Namen, nicht aus zusammenhängenden Sätzen. Die Hand von Irulegi ist damit der erste Fund, der zumindest ansatzweise wie ein vollständiger, wenn auch kurzer Text wirkt – und das macht ihn für Sprachforscher so viel wertvoller.

Wer sich für die sprachliche Vielfalt Nordspaniens interessiert, findet in unserem Überblick zu Wanderungen im Baskenland und den Picos de Europa und in unseren Artikeln über den Jakobsweg durch Navarra weitere Hintergründe zur Region, durch die sich diese uralte Sprache bis heute erhalten hat.

Die Hand von Irulegi heute besichtigen

Seit Dezember 2024 ist die Hand von Irulegi im Museo de Navarra in Pamplona zu sehen, in einem neu gestalteten prähistorischen Ausstellungsraum. Die Region Navarra hat 2023 zudem den Prozess eingeleitet, das Objekt offiziell als Kulturgut ("Bien de Interés Cultural") anerkennen zu lassen – ein Status, der seine Bedeutung für das kulturelle Erbe Spaniens unterstreicht.

Ein Besuch lässt sich gut mit einem Abstecher nach Pamplona verbinden, sei es auf dem Jakobsweg oder als eigener Tagesausflug von San Sebastián oder Bilbao aus. Plane für die Ausstellung etwa ein bis zwei Stunden ein, wenn du auch die übrigen archäologischen Sammlungen des Museums sehen möchtest.

Ein Familienerbe: von Höhlen und Handschriften

Xavier hat an diesem Abend übrigens noch etwas gesagt, das mir hängen geblieben ist: dass Funde wie die Hand von Irulegi meistens nicht von Universitätsteams gemacht werden, die gezielt danach suchen, sondern von Menschen, die einfach zur richtigen Zeit am richtigen Ort waren – ein Bauarbeiter, ein Restaurator, jemand, der einen Türsturz freilegt. Das erinnert mich an eine Geschichte aus meiner eigenen Familie: Mein Großvater Isidoro Blanco hat als siebenjähriger Hirtenjunge in Kantabrien die Cueva de las Monedas entdeckt, eine der bedeutenden Fundstätten paläolithischer Höhlenkunst in Nordspanien. Auch er war kein Archäologe, kein Sprachwissenschaftler, sondern einfach jemand, der neugierig war und zufällig vor einer Höhle stand, in die andere vor ihm nicht hineingekrochen sind.

Zwischen einer Höhle in Kantabrien und einer Bronzehand in Navarra liegen Jahrtausende und mehrere hundert Kilometer, und doch verbindet beide Funde etwas: Sie zeigen, wie viel von der Geschichte Nordspaniens noch unter der Erde liegt, und wie oft es Zufall und nicht Planung war, der sie ans Licht gebracht hat.

Häufig gestellte Fragen

Was ist die Hand von Irulegi?

Ein rund 2.100 Jahre altes Bronzeobjekt in Handform mit einer eingravierten Inschrift, das 2021 bei Ausgrabungen auf dem Berg Irulegi in Navarra gefunden wurde. Es gilt als ältestes bekanntes Schriftzeugnis der baskischen Sprache.

Was bedeutet das Wort "sorioneku"?

Es ähnelt dem modernen baskischen Wort "zorioneko" und bedeutet vermutlich "Glück" oder "gutes Omen". Es ist bislang das einzige sicher übersetzte Wort der Inschrift.

In welcher Schrift ist die Inschrift verfasst?

In einer angepassten Variante der nordostiberischen beziehungsweise keltiberischen Schrift – einem Schriftsystem, das ursprünglich nicht für das Baskische entwickelt, aber von den Vaskonen für ihre eigene Sprache übernommen wurde.

Wo kann ich die Hand von Irulegi sehen?

Im Museo de Navarra in Pamplona, wo sie seit Dezember 2024 in der prähistorischen Abteilung ausgestellt ist.

Warum ist der Fund so bedeutsam?

Er belegt, dass die Vaskonen, die Vorfahren der heutigen Basken, bereits vor rund 2.200 Jahren schrieben, und liefert damit den bislang ältesten schriftlichen Nachweis des Baskischen – einer Sprache ohne bekannte Verwandte.