Zwei Koffer, eine Zukunft: Spanische Gastarbeiter zwischen Almería und dem Schwarzwald

Was spanische Gastarbeiter geleistet haben – und warum man es nicht vergessen sollte.

Spanische Gastarbeiter in Deutschland – das klingt nach Geschichtsbuch. Aber manchmal sitzt die Geschichte direkt an deiner Theke. Golo ist einer meiner Stammgäste in der Toro Tapasbar in Karlsruhe. Seine Frau Davinia kommt aus Almería. Und ihre Eltern gehören zu jener Generation, die mit zwei Koffern und einem Anwerbeabkommen ihr Glück in Deutschland suchte.

Als Golo mich vor einigen Jahren zu seiner Hochzeit nach Spanien einlud, hätte ich sofort zusagen müssen. „Du weißt, meine Frau Davinia kommt aus Almería", sagte er. „Dort wollen wir heiraten. Es wäre schön, wenn du dabei wärst." Ich bin nicht gegangen. Bis heute bereue ich es. Die Fotos meiner Karlsruher Freunde zeigen eine unbeschreibliche Woche in Südspanien.

Doch statt der Hochzeit wurde mir etwas anderes geschenkt: die Geschichte von Eusebio Casas Millón und Purificación Espin Estrella – Davinias Eltern. Zwei Menschen, die das Schicksal vieler spanischer Gastarbeiter der 1960er Jahre teilen.


Purificación und Eusebio in Andalusien.
Purificación und Eusebio in Andalusien.



Das Wagnis: Verlorene Heimat, unbekanntes Deutschland

Eusebio und Purificación lernten sich in Almería kennen. Eine wunderschöne Ecke Andalusiens – aber damals ohne Perspektive. Franco herrschte, Spanien war weit entfernt von der EU. Die Zukunft war düster, aber die beiden hatten einen Traum: heiraten, Familie gründen.

Also packten sie zwei Koffer. Gepäck voller Wünsche, Hoffnungen und Erwartungen. Ihr Ziel: Deutschland. Genauer gesagt: der Schwarzwald.

Andere Kultur, andere Sprache, anderes Essen, andere Sitten, anderes Wetter. Nicht einfach für Purificación und Eusebio. Aber sie bissen sich durch.


„Verheiratet zusammen – oder gar nicht"

Davinia erzählt mir: „Meine Eltern bekamen einen Job in Deutschland, als sie in Spanien noch verliebt, aber nicht verheiratet waren. Mein Vater wollte vorausreisen und meine Mutter später nachkommen lassen."

Doch das war für Purificación keine Option. Entweder verheiratet zusammen nach Deutschland – oder gar nicht.

Also wurde erst schnell geheiratet, dann wurden die Koffer gepackt. Möglich machte das ein Anwerbeabkommen zwischen Spanien und Deutschland, das die Einreise spanischer Arbeitskräfte ermöglichte.


Daniel am Schreibtisch. Im Hintergrund Golo.
Daniel beim arbeiten. Im Hintergrund Golo.



Kinder, Rückkehr und die Liebe zu Karlsruhe

Die Kinder kamen: Daniel, Davinia und Sandra. Zwischendurch zog es die Familie wieder nach Spanien zurück. Doch als Eusebio und Purificación fast schon im Rentenalter waren, kehrten sie Deutschland den Rücken? Nein. Im Gegenteil: Es zog sie wieder hin – nach Karlsruhe, um in der Nähe ihrer inzwischen erwachsenen Kinder zu sein.

Was für eine Reise. Was für eine Leistung.


Sandra, die Schwester von Davinia und Daniel


Während Davinia und Golo mir die Geschichte erzählen, denke ich an all die anderen spanischen Gastarbeiter. Was sie geleistet haben, kann man nicht genug würdigen. Deutschland war nicht das erträumte El Dorado. Aber es wurde eine zweite Heimat – mit neuen Freunden und neuen, schönen Erfahrungen. Wer mehr über das Auswandern nach Spanien nachdenkt, versteht vielleicht, was es bedeutet, diesen Schritt in die andere Richtung zu wagen.


Volles Stierkamp Stadion
Davinia mit Golo beu einer Corrida.



Und wie lernt man eigentlich Golo kennen?

Mich treibt die Neugier. Davinia ist in Plauderlaune.

Ich: „Davinia, erzähl – wo hast du Golo eigentlich kennengelernt?"

Davinia: „In einem spanischen Lokal. Er hat den ersten Schritt gemacht… el primer paso fue un fracaso – der erste Schritt war ein Reinfall. Aber sein ständiges Nachhaken und seine Geduld haben ihn schließlich ans Ziel gebracht. Und heute sitzen wir hier."





Toro Tapasbar Karlsruhe – spanische Kultur und Gastfreundschaft in Baden
Die Toro Tapasbar mit großer Fenster Front.



Dritte Generation: Juanjo, Malena und Aarón

Von den 1960er Jahren bis heute ist viel Zeit vergangen. Spanien ist seit 40 Jahren fester Bestandteil der EU. Und die Familie wächst weiter.

Cousin Juanjo stieß später aus Almería dazu. Schon als Kinder waren sie immer zusammen – da war es eine logische Folge, in den Jahren um 2008, mitten in der spanischen Wirtschaftskrise, nach Karlsruhe zu kommen. Für ihn war Karlsruhe völliges Neuland: Er war noch nie geflogen.


Ein alter Mercedes, Golo und Juanjo
Golo und Juanjo lieben Bier und Geselligkeit.


Mit Davinias Tochter Malena (benannt nach einem argentinischen Tango) und Sandras Sohn Aarón ist nun die dritte Generation in Deutschland angekommen.

Juanjo schaltet sich in unser Gespräch ein und lacht:

„Los españoles no aguantan mucho en Alemania porque se creen que vienen aquí a comer pipas y fumar porros." Die Spanier halten es nicht lange in Deutschland aus, weil sie denken, sie kämen hierher, um Sonnenblumenkerne zu knabbern und Joints zu rauchen.

Aber dann wird er ernster: „Hier in Deutschland ist der Druck größer."


Ein Versprechen zum Schluss

Eusebio und Purificación sind nicht nur die Eltern meiner Freunden Davinia, Sandra und Daniel. Sie sind ein Symbol für eine ganze Generation – für Mut, Entbehrung und den Glauben an ein besseres Leben. Eine Geschichte, die sich auch im Norden Spaniens zigfach wiederholt hat.

Und ich? Ich schulde Golo und Davinia immer noch einen Besuch in Almería. Vielleicht nicht zur Hochzeit – aber dafür mit einem Glas spanischen Weins und dem Versprechen, diesmal hinzufahren.

Ein Prosit auf Eusebio und Purificación.
Und auf alle, die mit zwei Koffern ihr Glück suchten.

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