Die Stiftskirche von Santillana del Mar ist das Gebäude, zu dem in dem kleinen Ort früher oder später jeder Weg führt. Wenn du durch die Gassen von Santillana del Mar läufst, kommst du automatisch an diesem Platz vorbei: der Colegiata, wie die Einheimischen sie nennen. Ich bin diese Strecke in fünfzig Jahren Kantabrien-Urlauben oft genug gegangen, um zu wissen, dass man beim ersten Blick auf den Turm automatisch langsamer wird. Kein lautes Bauwerk, eher eines, das dich zwingt, kurz stehen zu bleiben.

Falls du noch nicht viel über den Ort selbst weißt: In meinem ausführlichen Santillana-del-Mar-Artikel erkläre ich, warum der Ort trotz seines Rufs kein Freilichtmuseum ist. Hier soll es jetzt nur um dieses eine Gebäude gehen, denn es verdient einen eigenen Blick.

Ein Kloster aus dem Jahr 870

Die Geschichte des Gebäudes beginnt lange vor der Kirche, die heute dort steht. Im Jahr 870 wurde an dieser Stelle ein Kloster gegründet. Der Überlieferung nach wurden hier die Reliquien der Santa Juliana aufbewahrt, und genau dieser Umstand hat dem gesamten Ort seinen Namen gegeben: Aus "Sancta Juliana" wurde im Lauf der Jahrhunderte "Santillana".

Frontansicht: Die romanische Kirche in Santillana del Mar.
Die romanische Kirche in Santillana del Mar. 
Foto: Tonino Guerra

Nationaldenkmal und Teil des Welterbes

Die Stiftskirche ist seit 1889 als Monumento Nacional geschützt, damit gehört sie zu den am längsten unter Denkmalschutz stehenden Bauwerken Kantabriens überhaupt. 2015 kam eine zweite Auszeichnung hinzu: Im Zuge der Erweiterung des Jakobswegs zum UNESCO-Welterbe wurde die Colegiata als Teil der Küstenroute, der Caminos del Norte, mit aufgenommen. Wer selbst auf dem Nordweg unterwegs ist, läuft also direkt an einer Welterbestätte vorbei, ohne dass sich das auf den ersten Blick zeigt. Weitere Details zum Schutzstatus findest du im offiziellen Kulturverzeichnis Kantabriens.

Wer war Santa Juliana? Steckbrief

Santa Juliana von Nikomedia

  • Lebte: Ende 3. / Anfang 4. Jahrhundert, im heutigen Izmit (Türkei)
  • Geschichte: Sie soll sich geweigert haben, einen heidnischen Präfekten namens Eleusius zu heiraten, weil sie ihrem christlichen Glauben treu bleiben wollte
  • Martyrium: Wegen dieser Weigerung wurde sie gefangen genommen, gefoltert und schließlich hingerichtet
  • Legende: Einer bekannten Erzählung nach soll sie im Gefängnis den Teufel in Ketten gelegt haben, der ihr in Gestalt eines Engels erscheinen wollte
  • Verehrung: Ihre Reliquien gelangten im Mittelalter über Umwege bis nach Nordspanien, wo sie in dem kleinen Kloster ihre neue Heimat fanden
  • Bedeutung heute: Namensgeberin von Santillana del Mar und Patronin der Stiftskirche

Vom Kloster zur Stiftskirche

Im Lauf des 11. Jahrhunderts wurde aus dem Kloster eine Stiftskirche.

Was ist eine Stiftskirche?

Eine Stiftskirche, im Spanischen "colegiata", wird nicht von Mönchen geführt, sondern von einem Kollegium aus Kanonikern (Geistlichen), die gemeinsam den Gottesdienst gestalten und häufig auch weltliche Aufgaben in der Region übernehmen, etwa Bildung oder Verwaltung. Anders als in einem Kloster leben die Kanoniker nicht zwingend nach strengen Ordensregeln mit Klausur, sondern eher in einer organisierten Gemeinschaft mit gemeinsamem Besitz und festen liturgischen Pflichten. Diese Umwandlung war im mittelalterlichen Nordspanien üblich, wenn ein Kloster an Bedeutung und Einfluss gewann.

Das Bauwerk aus dem 12. Jahrhundert

Das Gebäude, das du heute besichtigen kannst, stammt in seiner jetzigen Form aus dem 12. Jahrhundert. Der Grundriss besteht aus drei Schiffen mit einer Kuppel über der Vierung, einem Kreuzschiff und drei halbrunden Apsiden. Dazu kommt der markante Turm, der schon von Weitem zu sehen ist.

Im Kreuzschiff und in den Apsiden sind noch die originalen Tonnengewölbe erhalten geblieben. Das ist keine Selbstverständlichkeit bei einem Bauwerk, das seit rund neunhundert Jahren steht, und genau das macht die Kirche für Romanik-Interessierte so aufschlussreich: Man sieht hier Bausubstanz, die kaum verändert wurde.


Santillana del Mar. In der Altstadt geht es ohne Auto weiter. 
Foto: Tonino Guerra

Portal, Kapitelle und Kreuzgang

Wer sich Zeit nimmt, entdeckt an drei Stellen besonders viele Details: am Portal, an den Kapitellen im Innenraum und im Kreuzgang. Die Steinmetze haben hier Pflanzenmotive, Tiere und biblische Szenen verarbeitet, wie es für die kantabrische Romanik typisch ist.

Der Kreuzgang selbst ist nicht in einem Zug entstanden. Zuerst wurden der Südflügel und ein Teil des Westflügels errichtet, im 13. Jahrhundert kam der Rest des Westflügels sowie der Nordflügel hinzu. Der Ostflügel stammt erst aus dem 16. Jahrhundert und folgt nicht mehr romanischen Formen, du erkennst ihn deshalb sofort als jüngeren Zusatz. Insgesamt zählt man im Kreuzgang 42 Kapitelle, ein Teil davon mit erzählenden Szenen wie der Taufe Christi oder Daniel in der Löwengrube. Einige der Kapitelle im Südflügel werden dem Bildhauer Pedro Quintana zugeschrieben, der um 1203 auch an der nahegelegenen Kirche Santa María de Yermo gearbeitet hat. Ein Rundgang durch den Kreuzgang lohnt sich also nicht nur wegen der Optik, sondern auch, weil man hier eine kleine Werkstattgeschichte kantabrischer Steinmetze mit ablesen kann.

Im Inneren: Gräber und Reliefs

Im Inneren der Kirche stößt man auf mittelalterliche Grabstätten sowie auf romanische Reliefs aus dem 11. und 12. Jahrhundert. Diese Grabmäler gehören zu den ältesten erhaltenen Zeugnissen des Ortes und geben einen Eindruck davon, welche Familien über Jahrhunderte mit der Stiftskirche verbunden waren.

Der Hochaltar

Der Hochaltar verdient einen eigenen Absatz, weil er mehrere Epochen übereinanderlegt. Die Vorderseite ist mit getriebenem Silber aus dem 17. Jahrhundert verkleidet, gestiftet von einem sogenannten "Indiano", einem aus Amerika zurückgekehrten und zu Wohlstand gekommenen Auswanderer namens Luis Sánchez de Tagle. Darunter kommt eine romanische Verzierung zum Vorschein, die deutlich älter ist. Das Altarbild selbst stammt von einem Meister aus Burgos und wurde im frühen 16. Jahrhundert geschaffen, stilistisch nah an der Bildhauerschule um Gil de Siloé.

Später kamen noch zwei Elemente hinzu: eine spätgotische Predella sowie ein barockes Bildnis der Santa Juliana, platziert zwischen zwei gedrehten Säulen. In einem der barocken Seitenretabel steht außerdem ein Kruzifix, das dem valladolider Bildhauer Francisco Rincón zugeschrieben wird und als eine der bedeutendsten Schnitzarbeiten des kantabrischen Romanismus gilt. Man kann an diesem Altar also fast eine Zeitreise durch fünfhundert Jahre spanischer Kirchenkunst machen, Schicht für Schicht.

Das Hauptportal

Am Hauptportal lohnt sich ein genauer Blick nach oben: Dort ist ein byzantinischer Pantokrator dargestellt, also Christus als Weltenherrscher, umgeben von einer Mandorla und vier fliegenden Engeln, eine Bildtradition, die über Konstantinopel nach Nordspanien gelangte. Rechts und links davon reihen sich insgesamt zwölf Figuren, vermutlich ein Apostel-Zyklus, auch wenn Wind und Wetter über die Jahrhunderte einiges an Detailschärfe gekostet haben. Der Eingangsbereich zur vorgelagerten Plaza wird von zwei steinernen Löwen aus dem 16. Jahrhundert gesäumt, die dem Portal etwas Wehrhaftes geben, ganz im Gegensatz zur eher zurückhaltenden Gesamtwirkung des Gebäudes.


Schmale, vollständig aus Stein gebaute Gasse mit Torbogen und touristischer Beschilderung in der Altstadt von Santillana del Mar, Spanien.

Eine schmale, steinerne Gasse mit einem kleinen Torbogen in der mittelalterlichen Altstadt von Santillana del Mar. Natursteinmauern und touristische Hinweisschilder verleihen dem historischen Durchgang seinen charakteristischen Charme. Foto: Tonino Guerra


Praktische Infos für deinen Besuch

Die Stiftskirche liegt am südlichen Ende der Hauptgasse von Santillana del Mar, keine fünf Gehminuten von den großen Parkplätzen außerhalb der Altstadt entfernt. Geöffnet ist sie außer montags ganzjährig, vormittags von 10:00 bis 13:30 Uhr und nachmittags von 16:00 bis 18:30 Uhr. Der Eintritt kostet für Erwachsene 3 Euro, das angeschlossene Diözesanmuseum kommt mit weiteren 3 Euro dazu. Ein Besuch dauert, je nachdem wie genau du hinschaust, zwischen dreißig Minuten und einer Stunde. Ich empfehle, ihn mit einem Rundgang durch den Ort selbst zu kombinieren, wie ich es im Santillana-Artikel beschreibe.

Wer noch etwas Zeit hat, kann den Tag gut ausbauen: Santander liegt nur eine halbe Stunde entfernt, und wer dort ist, sollte sich auch das Centro Botín von Renzo Piano an der Bucht ansehen. Umgekehrt, wer weiter Richtung Berge will: In Richtung Süden führt der Weg über meinen Kantabrien-Guide hinein bis zu den Picos de Europa, wo Potes ein gutes Basislager für Wanderungen ist.

Wenn ich ehrlich bin, gehe ich bei jedem Kantabrien-Besuch kurz an der Colegiata vorbei, auch wenn ich längst jeden Winkel kenne. Es ist einer dieser Orte, an denen sich meine Familiengeschichte im Valle de Cabuérniga und die große Geschichte Nordspaniens überschneiden: Meine Großmutter Agapita ist ganz in der Nähe aufgewachsen, und der Jakobsweg, der an dieser Kirche vorbeiführt, ist für mich mehr als nur eine Route auf der Karte.

Häufige Fragen zur Stiftskirche von Santillana del Mar

Warum heißt der Ort Santillana del Mar?
Der Name geht auf Santa Juliana zurück, deren Reliquien im Kloster aufbewahrt wurden. Aus "Sancta Juliana" wurde über die Jahrhunderte "Santillana".

Wie alt ist die Kirche wirklich?
Die Ursprünge liegen im Kloster von 870, das heutige Gebäude in seiner jetzigen Form stammt aus dem 12. Jahrhundert.

Was ist der Unterschied zwischen einem Kloster und einer Stiftskirche?
Ein Kloster wird von Mönchen nach strengen Ordensregeln geführt, eine Stiftskirche von einem Kollegium aus Kanonikern, die gemeinsam Gottesdienst feiern und oft auch weltliche Aufgaben übernehmen.

Was sollte man beim Besuch nicht verpassen?
Den Kreuzgang mit seinen unterschiedlich gearbeiteten Kapitellen, den Hochaltar mit seinen mehreren historischen Schichten und den Pantokrator am Hauptportal.

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